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Ist lesen

...ein passiver oder aktiver Zeitvertreib?

Ist denn der Leseort von Bedeutung, da ich mich doch soeben in den Winkeln der 100 jährigen Einsamkeit verloren hatte, in diesem Macondo des magischen Realismus? Wo ich doch gerade von diesem alten Zigeuner, der Macondo nun schon so lange nicht mehr besuchte, ein kleines feines Büchlein erstanden hatte, dessen Gesänge mich einem Mann namens Virgil heimlich von Kreis zu Kreis folgen ließen. Jeder Kreis offenbarte schrecklicheres als der vorangegangene. Doch da, entdeckte ich Einen, der keinen Qualen ausgesetzt war. Dieser listige Mann wusste mit den Toten umzugehen, entschwand in die Grotte in der Kalypso bereits auf ihn wartete, um sich dann in Ulysses zu verwandeln und in Dublin zu verlieren.
Nur Brecht kann mich auf meinen Platz als Zuschauer verweisen. Identifiziere dich nicht mit den Figuren, du bist Zuschauer, nicht mehr und nicht weniger.
Weißt du denn nicht, dass mir mit spielen viel besser gefällt als dieses ewige zuschauen?
Sich heimlich in fremde Gedanken schleichen und von Seite über Seite zu einem Bestandteil dieser Geschichte werden. Vielleicht auch diese Geschichte etwas umformen, sie nicht so lesen wie er eigentlich wollte. Einen eigenen, vielleicht etwas besseren, Schluss finden, den Höhepunkt etwas spannender gestalten und sich dabei verlieren. Das ist lesen für mich.
Manchmal sich auch überschätzen, versuchen einen Krimi in eine Liebesgeschichte zu verwandeln. Scheitern. Und doch etwas erreicht haben. Und wenn’s nur die Erkenntnis ist, dass nicht alles möglich ist, oder doch? Erinnere dich an Robinson Crusoe. Hättest du gewollt, dass er jemals aufgäbe? Nein, du hast sogar seine Geschichte weitergesponnen. Hast ihn heiraten lassen und statt Gulliver nach Lilliput geschickt. Es sollte doch nicht aufhören, nie aufhören!
Das ist lesen für mich.

Referenzen: (gereiht nach Vorkommen im Text)
Gabriel Garcia Marquez: Hundert Jahre Einsamkeit
Dante Alighieri: Die göttliche Komödie
Homer: Odyssee
James Joyce: Ulysses
Bertold Brecht: Episches Theater
Daniel Defoe: Robinson Crusoe
Jonathon Swift: Gullivers Reisen

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Category: Literature
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